Ulrike Haage &
Mark Ravenhill

Rete Mirabile│Wundernetz

Ein Singspiel (ca. 40 min.) von Ulrike Haage (Konzept, Komposition) und Mark Ravenhill (Libretto)

Vorstellungen: 12., 19., 26.02. und am 05.03.2018
Beginn: jeweils um 18:30 Uhr und 19:30 Uhr
Reservierung erforderlich unter: kunst@mfn-berlin.de, Eintritt frei.

Bitte beachten Sie, dass die Eintrittskarten bis 15 min. vor Beginn der Vorstellung abgeholt sein müssen. Nicht rechtzeitig abgeholte Eintrittskarten werden an Interessenten ohne Reservierung weitergegeben.

 

Ein Rete mirabile (lateinisch Wundernetz) ist eine Verzweigung einer Arterie in ein Geflecht aus feinsten Arterien, das sich anschließend nicht zu einer Vene, sondern wiederum zu einer Arterie vereinigt. Bei Fischen dienen Wundernetze als Gegenstrom-Wärmeaustauscher der Thermoregulation.

Rete Mirabile | Wundernetz ist inspiriert von Material, Struktur und Ästhetik der Nasssammlung im Museum für Naturkunde. Auf zahlreichen Besuchen erkundete die Komponistin Ulrike Haage den Ort, seine Atmosphäre und die Klangbedingungen. Im Gespräch mit Peter Bartsch, dem Kustos der Fischsammlung, machte sie sich mit einer Forschungssammlung vertraut und experimentierte mit Aufbewahrungsgläsern als Klangkörpern. Haages forschendes Herantasten an die Materie in ihrer Umgebung übersetzte sie musikalisch in ein assoziatives Klanggewebe, das zwischen streng-repetitiver Minimal Music und imaginativen Echos der Renaissancemusik oszilliert. Inszeniert als moderne Wanderbühne antwortet die Instrumentierung auf Exponate und Präsentationsmobiliar der drei Räume, durch die die Prozession zieht: Glas, Metall, Holz, Fell und Leder. Im gemeinsamen Gang mit den SängerInnen und MusikerInnen erlebt das Publikum das Werk als einen sich entfaltenden, rhythmisierten Zeitstrom – als das, was Musik immer auch ist: Sprache und Klänge bewegen sich mit den wandernden Ohren, Augen und Muskeln des Publikums durch das Museum und gleichzeitig auch durch Kulturgeschichte und Kunststile.

Mark Ravenhill schrieb sein Libretto zur bereits vorliegenden Komposition. Der Text spielt zuweilen mit Auszügen aus der Abhandlung Vampyroteuthis infernalis des Literaturtheoretikers Vilém Flusser über das Welterleben des Vampirtintenfisches, welches er als eines dem menschlichen [Er]Leben radikal entgegengesetztes präsentiert. Das 1903 beschriebene Typusexemplar dieses Tieres befindet sich im Museum für Naturkunde Berlin. Ravenhill nähert sich dem Stoff poetisch, zeitkritisch, symbolisch und rückt stellvertretend für die Exponate der Nasssammlung, den Oktopus ins Zentrum seines Textes. Damit wählt er ein Tier, das die europäische Geistesgeschichte seit Jahrtausenden zu Gedankenexperimenten beflügelt und spätestens seit der Romantik Stoff für Science Fiction, Dichtung und fabulierende Philosophie ist. Bei Ravenhill wird der Oktopus zur Sinnfigur. Die zehn Gesänge der Mikrooper sind in unterschiedlichen dichterischen Genres verfasst und spiegeln so die Perspektiv- und Bildwechsel vom Menschen zum Tintenfisch. Mit seiner dichterisch-philosophischen Wahrnehmung des Oktopus regt Ravenhill zum Nachdenken über menschliche Hybris und Vergänglichkeit an.

Im Zusammenspiel von Komposition und Libretto entsteht ein Werk, das der vitalen englischen Barocktradition verwandt ist. So wie damals üblich, stößt Rete Mirabile |Wundernetz Denken durch sensorische Erfahrung an und verwebt einen künstlerischen Blick auf Naturwissenschaft mit gesellschaftlicher Reflexion und der Erfahrung des Wundersamen zu einer akut zeitgenössischen Kunst.

 

Vokalquartett: Christina Andersson, Sopran; Regina Jakobi, Alto; Daniel Steiner, Tenor; Jonas Böhm, Bass
Perkussion, Marimbaphon, Vibraphon: Almut Lustig, Brigitte Haas
Technik: Philipp Fiedler (Licht, Bühne)
Amanuensis: Michael Essl
Regie-Assistenz: Christina Haufe
Kuratorin für Klangkunst: Gaby Hartel

 

Ulrike Haage &  <br />
Mark Ravenhill
Die Nass-Sammlung © Museum für Naturkunde / Carola Radke