Ulrike Haage

Wundernetz _ Rete mirabile.

Ein Singspiel von Ulrike Haage (Konzept, Komposition) und Mark Ravenhill (Libretto)

Ein Rete mirabile (lateinisch Wundernetz) ist eine Verzweigung einer Arterie in ein Geflecht aus feinsten Arterien, das sich anschließend nicht zu einer Vene, sondern wiederum zu einer Arterie vereinigt. Bei Fischen dienen Wundernetze als Gegenstrom-Wärmeaustauscher der Thermoregulation.

Im September 2016 beginnt Ulrike Haage, erste Ideen zu ihrer Komposition eines maßgeschneiderten Singspiels für die Nasssammlung des Museum für Naturkunde in Berlin zu entwickeln. Frei nach Heinrich von Kleists Motto „l’idée vient en parlant“, entstehen zahlreiche Einfälle für die Realisation der Mikro-Oper in großzügigen Begegnungen und Gesprächen mit Kustoden und Mitarbeitern des Museums und einer intensiven Erforschung des „Klangraums Nasssammlung“. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten im Museum entstand das Vorhaben, Wundernetz als moderne Wanderbühne zu inszenieren, die traditionsgemäß alles mit sich bringt, was für eine Aufführung gebraucht wird. Die interessante eigene Akustik des Museums inspirierte die Komponistin zu einer Live-Inszenierung unabhängig von elektrischem Equipment.

So startet Wundernetz mit der musikalischen Aneignung des Raums Erde durch vier Sänger, einem Marimbaphon, Xylophon, Glockenspiel und Perkussion. Der Ort Erde beginnt „zu sprechen“, erhält sein eigenes Lied. Die anschließende Expedition verbindet den Raum Erde mit der Nasssammlung. Hier nimmt Rete mirabile Bezug auf das Wasser als Erinnerungsträger, aus der Tiefe eines anderen Elementes heraus. Das Libretto von Mark Ravenhill spielt zuweilen mit Auszügen aus der augenzwinkernden Abhandlung Vampyrotheutis infernalis des Literaturtheoretikers Vilém Flusser über das Welterleben des Vampirtintenfisches, welches er als eines dem menschlichen [Er]Leben radikal entgegengesetztes präsentiert. Die Mikro-Oper bewegt sich zwischen den antipodalen Welten der Fauna und der Homines, zwischen Illusionsraum [Kunstwerk] und Erinnerung [Museum]. Die Nasssammlung wird zum Bühnenbild für die Performance der Sänger und Musikerinnen. Die Komposition nimmt in Klangfarben und Form Bezug auf deren architektonisch-minimalistische Struktur und die Baumaterialien Glas, Metall und Holz.

Mit Wundernetz trifft eine künstlerische Fiktion auf die poetische Welt des Museums für Naturkunde. Eine poetische Welt ist der Versuch, im Sinnkontinuum Bezüge zu sehen, die über das Selbige hinaus Bedeutung haben. Bedeutung als Hoffnung, dass in allem, was in uns Spuren hinterlässt, etwas ist, über das wir keine Macht haben. Das wir evozieren, aber nicht beherrschen. Wie würde die Welt aussehen, wenn man sie mit den Augen der Bewohner der Meere sehen würde? Das Geheimnis und das Neue sind miteinander verwandt.

 

Konzept und Komposition: Ulrike Haage

Libretto: Mark Ravenhill

Vokalquartett: Christina Andersson, Sopran; Regina Jakobi, Alto; Daniel Steiner, Tenor; Jonas Böhm, Bass

Perkussion, Marimbaphon, Vibraphon: Almut Lustig, Brigitte Haas

Kuratorin für Klangkunst: Gaby Hartel

Technik: Alexander Gau (Licht), Philipp Fiedler (Bühne)

Amanuensis: Michael Essl

Regie-Assistenz: Christina Haufe

Ulrike Haage
Ulrike Haage: Wundernetz ©Ulrike Haage