Klangkunst

Kunst sollte wie ein Klang, eine Melodie in unserem Museum sein
Thomas Schmid-Dankward, Museum für Naturkunde Berlin

Im Hören überwinden wir die Grenzen von Zeit und Raum. Darum vermag es gerade die akustische Kunst, Exponate, ihre Geschichten und die Rhythmen ihrer Präsentation unmittelbar erlebbar zu machen. Denn die akustische Kunst ist ein umfassendes, warmes, auf emotionale Beteiligung zielendes Genre: sie schafft im Bewusstsein des Rezipienten sekundenschnell Wirklichkeit. Die Hörkunst ist somit in der Lage, dem musealen Raum eine zusätzliche Ebene zu liefern. Anhand von Ton, Geräusch, Rhythmus, Sprache und menschlicher wie tierischer Stimmen lassen sich mitten im Ausstellungsraum kultur- und alltagsgeschichtliche Verbindungen herstellen. So kann eine andere Art von Wissen direkt sinnlich erfahrbar, vielleicht auch vertieft werden.

Das Naturkundemuseum ist ein faszinierender Ort, der thematische, zeitliche, disziplinär sich überschneidende Felder unter einem Dach zusammenführt. Schon seine bauliche Gestalt repräsentiert auf verdichtetem Raum vielschichtig Wissenschafts-, Kultur-, Ausstellungs- und Forschungsgeschichte. Ein solches Repräsentationsgebäude spricht seine Besucher nicht nur auf der Wissensebene, sondern auch auf der Sinnesebene an.

Dem taktilen Auge fällt die elegante, selbstverständlich kenntnisreiche und liebevolle Präsentation der Sammlungen auf. Immer wieder tastet sich der Blick, meist geführt von einer subtilen, offenen Dramaturgie, zu neuen Exponaten und Wissensgebieten vor. Dass unter der Ausstellungsoberfläche ein großer Wissensschatz verborgen liegt, vermittelt sich auf den ersten Blick und die akustische Kunst kann diesen Eindruck um einen Echoraum bereichern und darauf hinweisen, wie reich die Sammlungen tatsächlich sind, wie dicht sich hinter den Exponaten Geschichte und Geschichten reihen.

Bei Rundgängen hinter die Kulissen der Ausstellungsräume schaltet sich auch der Geruchssinn ein. Er erzählt eine Parallelgeschichte des Hauses: von Holz und Metall aus dem 18. Jahrhundert, von Linoleum und Desinfektionsmitteln aus Zeiten der DDR. Ähnlich funktioniert auch der Hörsinn. Er dient nicht nur der emotionalen Orientierung in der Zeit, sondern löst auch Erinnerungen aus und mit ihnen Fantasie. Diese „soft markers“ können verstanden werden als diskrete, immaterielle Verschlüsselungen innerhalb des „Biotops Naturkundemuseum“, die durch Soundkünstler aufgespürt und in einem künstlerischen Dialog eingebunden werden.

Im Idealfall sind die Künstlerinnen und Künstler Forschungsreisende mit anderen Mitteln, die im engen Austausch mit dem Museumsteam arbeiten. So entstehen akustische Parallelwelten, die die wissenschaftliche Narration um einen weiteren Erfahrungsraum bereichern.

Gaby Hartel, Kuratorin für Klangkunst, ist Kulturhistorikerin, Radioautorin und Ausstellungskuratorin.

Vogelsaal © Museum für Naturkunde / Carola Radke