Literatur

Das ganze Tier in Wissenschaft und Literatur

Alles in allem betrachtet sind die Gegenstände der Naturkundemuseen ganze Tiere. Angefangen mit dem Belegexemplar einer Art speichern Naturkundemuseen die Geschichte der Körper ganzer Tiere in der Zeit. Naturkundliche Sammlungen bestehen nicht nur aus einem Exemplar, das die Grundlage der Artbestimmung liefert. Sie sammeln von lebenden Arten auch über Generationen geographische Variationen.

Mit dem Evolutionsbiologen Ernst Mayr gesprochen, ist die Arbeit am Naturkundemuseum Geschichts- und Naturwissenschaft. Eine Trennlinie lässt sich gerade hier nicht ziehen. Das heißt nicht, dass nicht auch an Naturkundemuseen hochspezifisch und mit modernsten Methoden naturwissenschaftlich gearbeitet wird. Es bedeutet nur, dass das Museum mit der Forschung, dem Sammel- und Ausstellungsbetrieb, den öffentlichen Veranstaltungen – und nicht zuletzt dem Publikum – auch eine Institution der Geschichtswissenschaft von der Natur und ihrer Vermittlung ist.

Für literarische Arbeiten öffnet sich in diesem Feld der Geschichte der Naturkörper, vom Knochen bis zur versteinerten Feder, ein unendliches Feld für persönliche Wahrnehmungen, Erfahrungen und Imaginationen, die in der wissenschaftlichen Textproduktion keine Rolle spielen. Literatur kann die individuelle Geschichte der Körper wesentlich genauer und einfacher abbilden oder imaginieren als es die Naturgeschichtsschreibung kann, weil sie sich der persönlichen Spekulation enthalten muss.

Ganze Tiere haben es in der Literatur schwer. Denn wenn sich Literatinnen und Literaten einem Tier annähern, ist fast immer ein erhebliches Maß an Projektion im Spiel – da wird lieblich, tapfer und durchtrieben genannt, was selbst solcher Begriffe ermangelt und durch sie nicht getroffen ist.

Die eingeladenen Literatinnen und Literaten sollten das von ihren Projektionen befreite Tier in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellen, wie es das Museum auch tut. Mir geht es um eine objekt-orientierte, vom realen Gegenstand ausgehende Arbeitsweise. Das heißt, um Schreibweisen, die vom Tier ausgehen und dann nach den Worten suchen und die Tiere nicht als Projektionsflächen ihrer Vorstellungen benutzen. Die Naturkundemusseen sind im Punkt der möglichst projektionsfreien Darstellung von Tieren in ihren aktuellen Ausstellungsformen oft vorausgegangen.

Das projektionsfreie Tier ist auch in den Wissenschaften bedroht. Ich denke, dass die industrialisierten Wissenschaften die Tiere in den endlosen statistischen und computerisierten Auswertungskaskaden verlieren werden. Ihre Methoden brauchen im derzeitigen Entwicklungsstadium nur noch Genome, Synapsen, Proteine und Algorithmen. Dagegen sehe ich eine Gemeinsamkeit zwischen Naturkundemuseen und Kunst: Beide könnten zum letzten Aufenthaltsort ganzer Tiere werden.

Mein Ziel wäre also, dass sich in der Auseinandersetzung mit dem Museum sprachliche Formen finden lassen, die dem Museum Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken hinzufügen, ohne dabei gleich in einen interdisziplinären Akt einzutreten.

Cord Riechelmann, Kurator für Literatur, ist Autor, Philosoph und Biologe.

 

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